Diskussionen nach der Demo

Auf aka.blogsport.de gab es kurz nach der Demo am Samstag einen relativ ausführlichen Bericht mit einem kritischem Fazit. In den folgenden Tagen entwickelte sich eine interessante und lebhafte Diskussion um das Demokonzept und um Verbesserungsvorschläge. Wir finden das solche Diskussionen ein wesentlicher Bestandteil einer Bewegung sein sollte die nach Veränderung strebt und sich nicht mit dem Stillstand abfinden möchte.

Wir hoffen, das dieser Text es vielleicht auch in das ein oder andere Zeitungsprojekt schafft, so das die Möglichkeit besteht, auch langfristig über Strategien und Konzepte zu diskutieren.

Den Artikel, sowie die Diskussion findet ihr hier.

. . . divided we fall! freiRäume für alle!
LucaPinoRelli

Am gestrigen späten Nachmittag demonstrierten circa 4.500-5.000 Menschen für den Erhalt von freiRäumen. Unter dem Motto united we stay! Kollektiv! Offensiv! Subversiv! rief ein breites Bündnis verschiedener Haus- und Wagenplatzprojekte zur Demonstration gegen Gentrifizierungsdruck und Verdrängung auf.

Die Demo verlief zum großen Teil friedlich. Auseinandersetzungen gab es im Friedrichshain. Im Verlaufe des Abends kam es, laut Ticker der Aktionstage, zu mindestens zwölf Ingewahrsamnahmen. Wie bei indymedia berichtet wird, wurde eine Person von grünuniformierten Hooligans überrannt, offenbar gegen einen Bordstein geschubst und schwer verletzt.

Weitere Bilder beim Medienkollektiv Berlin

Die Demo begann am Hermannplatz. Der Treffpunkt war 15 Uhr. Um 16 Uhr sollte es losgehen, was auch pünktlich passierte. Die nervigen Vorkontrollen wurden, wie mein Eindruck war, ganz besonders gründlich durchgeführt. Übermotivierte Sicherheitsbeamt_innen versuchten die absurden Auflagen, daß keine Glasflaschen, Stahlkappenschuhe, gefährliche Gegenstände (was immer das auch sein mag) usw. durchzusetzen, obwohl sich massenweise Kioske und andere Läden auf dem Hermannplatz sowie der Demoroute befanden.

Die Demo selbst begann kämpferisch. Mit lauten Parolen gings erst den Kottbusser Damm runter, dann in den Reuterkiez, wo sich einige Kneipenprojekte wie das queere Silverfuture und das Tristeza befinden. An der Hobrechtbrücke gab es die erste Zwischenkundgebung und die erste pyrotechnische Aktionseinlage, die im Verlauf der Demo diese immer wieder begleiten sollten, aber im Friedrichshain auch zu Übergiffen von Team Green führten.

Schon an dieser Stelle zeigte sich, daß die Demo nicht durchgehend geschlossen sein würde. Während die Spitze sich am aktionistischen Gruß an die Demo erfreutem blieb der laute und mit ihm der Rest derr Demo auf der Hobrechtbrücke stehen. Zwischen der Spitze mit circa 600-700 Demonstrant_innen und dem Rest der Demo entstand eine Lücke von ungefähr 20m, die erst allmählich aufgefüllt wurde. Diese Separierung der Demo sollte sich in der Simon-Dach-Straße mit umgekehrten Vorzeichen, daß nämlich der Lauti allein gelassen wurde, wiederholen.

Dann gings zügig und laut durch Kreuzberg. In den engen Straßen war es insbesondere die Parole Wir bleiben alle, die durch Klatschen untersützt wurde und so wohl nach Außen mächtig eindruck machte. In der Reichenberger stand Team Green massiv in Kette um die staatlicherseits verbotene Route und die carlofts zu schützen.

Auf der Oberbaumbrücke legte die Spitze der Demo einen kleinen Sprint hin. Auf der anderen Seite, auf der Mühlenstraße zur nO2-Arena und in der Warschauer Straße standen wiederum grüne, behelmte Männchen, welche den häßlichen Mehrzweckbau eines homophoben, evangelikalen Kulturbanausen und das Gebäude der kommunalen Privatisierungsbehörde für städtische Immobilien, den Liegenschaftsfond, schützten.

Hier gab es wiederum eine Zwischenkundgebung, die sich ewig hinzog. Als es dann endlich weiter ging, wurde es, nachdem es zwischenzeitlich etwas ruhiger geworden war, wieder lauter. Offenbar skandiert es sich frisch gestärkt und erfrischt besser.

Die Demo wand sich nach der Warschauer Brücke nach rechts in die Revaler. An dieser Biege war wiederum ein massives Aufgebot von Polizeiwannen aufgefahren. Hier standen die die schwarz uniformierten BFE Einheiten, die auf ihren Einsatz warteten. Möglich ist aber auch, daß die Warschauer an dieser Stelle auch deshlab so massiv gesperrt wurde um den sich unmittelbar am Frankfurter Tor befindlichen neuen, stinkenden Naziklamottenladen zu schützen.

Die unterhatsamste aktionistische Showeinlage an diesem späten Nachmittag hatte sich zweifellos der RAW Tempel einfallen lassen. In einer Feuershow, mit Feuergitarre, fahneschwenkendem Ritter und heißen Feuerstößen solidarisierte sich das akut von Räumung bedrohte Gelände an der Revaler Straße mit der Demonstration, ihrer Zielen und bedankte sich so artig für die langjährige Unterstützung.

Weitere Bilder bei Anna Panek

An der Ecke Revaler- / Simon-Dach-Straße gab es wieder einen pyrotechnischen Gruß an die Demo, der durch Flyer und Transpis unterstützt wurde. An dieser Stelle versuchte eine Horde grünverkleideter Odnungsfetischisten, der sich auf dem Dach befindlichen Aktivist_innen, habhaft zu werden. Eine nun mehr alleingelassene Wanne geriet bedrohlich ins Schwanken. Wie wiki030 berichtet, scheiterten die Festnahmen. Vielmehr mußte Team Green nach übermotivierten Prügeleien überstürzt den Rückzug antreten.

An dieser Stelle teilte sich die Demo vollends. Das united we stay verwandelte sich schnell in ein divided we continue. Der Lauti stand circa 50m in der Simon-Dach-Straße. Mindestens 1.000 Demonstrant_innen verließen die Route und zogen, nachdem sich Team Green zurück gezogen hatte, die Revaler weiter. Aber auch diese Gruppe splittete sich. Mehrere Gruppen zogen durch den yuppisierten, ehemaligen alternativen Kiez. Scheiben gingen zu Bruch. Autos mußten dran glauben. Der McDonalds an der Warschauer wurde ebenfalls attackiert.

Außerdem versuchten einige nun doch den neuen Naziladen am Frankfurter Tor zu erreichen. Wartende behelmte Horden, Wasserwerfer udn Räumpanzer zwangen sie allerdings schnell zum Rückzug. Ein Streifenwagen flog hierbei aus unerfindlichen Gründen aufs Dach.

Team Green, die sich bis zur Stürmung des Hauses an der Revaler / Simon-Dach-Straße zurückgehalten hatte, reagierte gewohnt brutal und willkürlich. So wurde eine Person, wie der Berliner EA bei indymedia schrieb, von einer Horde behelmter Hooligans überrannt und, wie wiki030 ergänzt, gegen einen Bordstein gestoßen. Es besteht Verdacht auf Schädelbasisbruch! Die beteiligten Beamten entzogen sich bewußt der Personalienaufnahme. Wer Indentifikationsmerkmale beizusteuern weiß, soll sich unbedingt beim Berliner EA (030 / 69 22222) melden.

Die gespaltene Demo zog nach einigen Minuten weiter. Über die Geschehnisse im Vergnügungskiez für Yuppies und am Tromsø wurde vom Lauti aus nix berichtet. Viel mehr riefen die Veranstalter_innen, ganz in attac Monty Schädel Manier, dazu auf die anderen ruhig weiter ziehen zu lassen und zur angemeldete nDemo zurück zu kehren. Zum Zeitpunkt dieser alsbolut nicht united Stellungnahme formierte sich gerade eine Hudnerschaft offensichtlich dazu, die restlichen in der Revaler weitergezogenen Abtrünnigen zu kesseln. Glücklicherweise blieben genug Menschen in der Revaler, so daß Team Green lediglich die Alternativ-Route sperrte.

Die Restdemo zog nun noch – ohne Polizeibegleitung, ohne Kameras, vermutlich mit (nur) wenigen Zivis – relativ friedlich durch die Simon-Dach-Straße, die Gründberger, die historisch aufgeladen Mainzerstraße, vorbei an der Scharni, die wiederum eine hübsche Pyroshow lieferten, zur Abschlußkundgebung in die Frankfurter Allee. Dort wurde nach einem kurzen Redebeitrag die freiRäume Demo für beendet erklärt.

Ich halte diese Demo für den gelungenen Auftakt den Kampf um den Erhalt von freiRäumen weiter offensiv und kämpferisch voran zu treiben. Den städtischen Institutionen muß klar sein, daß sich die bestehenden Strukturen nicht so leicht vertreiben lassen. Die solidarischen Aktionen am Rand der Demo zeugen von einer starken Präsenz des Themas selbstverwalteter Projekte im öffentlichen Raum und deren breiter Unterstützung.

Auf der anderen Seite offenbarte der Verlauf der Demo aber auch einen Riß zwischen dem organisierendem Bündnis und dem breiten Spektrum der Unterstützer_innen. Die verklausulierte Ablehnung des Konzepts des schwarzen Blocks und direkter Aktionen aus der Demo heraus als Audruck kämpferischer Militanz im Demokonzept setzte sich sehr viel expliziter auf dem Demo fort. Schon zur Auftaktkundgebung wurde darauf hingewiesen, daß Menschen, die Streß suchen würden, auf der Demo unerwünscht wären.

Der hoffnungsvolle, vorauseilende Gehorsam auf militante Aktionen zu Gunsten von weniger staatlicher Überwachung und Repression zu verzichten, stellte sich schon beim Teilverbot der Route und schikanösen Auflagen als illusorisch heraus. Daran festzuhalten erscheint mir ignorant gegenüber den Realitäten eines höchst repressiven, überwachten, öffentlichen Raums.

Die Demo wurde durch die Auflagen, das Teilverbot, die schikanösen Einlaßkontrollen und das flächendeckende Abfilmen der gesamten Demo auf dem Kottbusser Damm durch die Sicherheitsorgane attackert. Das es keinen Wanderkessel und eine relative Zurückhaltung bei polizeilichen Interventionen gab, macht die Repression nicht geringer.

Das Bestehen auf einer friedlichen, bunten und lauten Demo mag als Konzept fruchtbar sein. Auch die Abwesenheit von Musik und die Ersetzung dieser durch Redebeiträge fand ich gut. Was aber absolut nicht geht ist, daß eine Demo, die unter dem Motto United we stay! Kollektiv! Offensiv! Subversiv! läuft, sich von solidarischen Aktivist_innen auf den Dächern abwendet, sie dem polizeilichen Zugriff überläßt, sich offensiv von einem militanten Teil der Demo distanziert, offen dazu aufruft diese Aktionsformen zu ignorieren und stattdessen die eigene, geplante Route zu Ende trottet.

Unabhängig von Kritik an den Zerstörungen kleiner Autos und der Gefährdung von Menschen, sollte es nicht zu einer Abgrenzung von Aktionsformen kommen. Leider wurde dies aber in der Simon-Dach-Straße (scheiße, wie metaphorisch ist das denn) vollzogen.

Die Abgrenzung begann, meiner Ansicht nach, mit einem Appell im Demokonzept. Dieser wurde in der Ansage an mutmaßliche Chaoten und Krawallmacher, mit Hinweis auf anwesende Kinder, bei der Auftaktkundgebung erneuert. Die erste Manifestation einer Spaltung zeigte sich an der Hobrechtbrücke. Die Demo zerbrach endgültig in der Simon-Dach-Straße, wo vom Lauti offensiv und kollektiv, gar nich mehr subversiv, dazu aufgerufen wurde, die Abtrünnigen weiter laufen zu lassen. Aus einem United we stay wurde so, durch die Organisator_innen in der aussichtlosen Hoffnung auf weniger Repression und eine positive Außenwirkung, ein divided . . .