Gentrifizierung in Berlin

+++ 06/2010 +++ wir wollen auch auf diesen Post hinweisen +++

Uns erreichte vor einiger Zeit ein Text zu Gentrifizierung in Berlin. Wir bedanken uns beim Autor für die viele Arbeit!

Gentrifizierung
oder „Habgier und Frieden schließen einander aus.“ Erich Fromm

www.berlin.de :
„Berlin fasziniert, weil es wandlungsfähig ist und viele Gesichter hat. Die Unterschiede sind krasser, Konflikte greifbarer und Probleme größer als andernorts. Doch selbst die Widersprüche, die Berlin erzeugt, sind Teil seiner Anziehungskraft.“

Städte sind Strukturen des Wandels. Berlin ist ein Paradebeispiel für die Wandlungsfähigkeit einer Stadt. Gebäudenutzung, Wohndichte, Alterstrukturen, Zustände der Gebäude, Anteile ethnischer Minoritäten, Repressionsumfang, Politische Faktoren, Zuzug, Wegzug, Vertreibung…
Gentrifizierung spielt bei all diesen Indikatoren eine Beschreibende soziologische Erklärung für die verschiedenen Wandlungen eines Wohnviertels und deren Veränderungen. Der Begriff Gentrifizierung wurde 1964 von Ruth Glass als „Aufwertung eines Wohngebietes in sozialer und physische Hinsicht.“ definiert, wobei Glass vor allem den Begriff von Gentry also „vornehmer Bürgerschaft“ abgeleitet hat, wodurch die Richtung der Definition schon eine klare Tendenz von Konservativen und einheitlichen Wohnstrukturen vermittelt.
Gentrifizierung findet nach bisherigen Erkenntnissen in Wohngebieten statt die nahe dem Stadtzentrum liegen, um 1900 erbaut wurden, einen schlechten Zustand der Gebäude aufweisen, niedrige Bodenpreise und Mieten erheben sowie in denen nach Defnition statusniedrige (Arbeiter, Alte, Arbeitslose, …) Bewohner leben.
Der hier beschriebene Prozess der der Gentrifizierung lehnt sich an die Beschreibung von Häußermann (2000) in vier Phasen an. Diese unterscheiden sich insbesondere durch die Sozialen Gruppen des Stadtteils, die Bodenpreise und Mieten, das Image des Gebietes und die stattfindende Verdrängung.

Phase 1

Soziale Gruppen:
Pioniere ziehen in ein Gebiet. Diese bestehen aus kreativen, risikobereiten und offenen Menschen, die ein niedriges Einkommen haben, eine bunte Mischung im Kiez bevorzugen sowie eine gute Anbindung an die Innenstadt benötigen. Dabei verzichten die Pioniere auf hohen Wohnkomfort.
Nach der Wende standen viele Gebäude in Berlin leer. Hier etablierte sich in mehreren Straßenzügen die Besetzung von leerstehenden Häusern, welche in einem extrem schlechten Zustand verfügbar waren. Pioniere waren zunächst nicht die Künstler, nicht die Studenten und erst recht nicht die Juppies. Es waren Menschen die auch unter widrigsten Bedingungen bereit waren ihren Traum von Freiheit zu leben. Mit dieser Gruppe traten dann auch Sympathisanten der alternativen und linken Szene (Studenten, Künstler, Fotografen, Designer,…) in die Wohngebiete welche genug Raum für kreatives und innovatives Leben ermöglicht haben und dies, entgegen dem Trend der Bundesrepublik einheitliche Wohnsiedlungen aufzubauen (siehe Wedding). Diese Nachgezogenen gehören auch noch zu den Pionieren, allerdings praktisch zu der 2te Generation.

Bodenpreise und Mieten:
Anfangs bleiben die Bodenpreise stabil. Mieterhöhungen ergeben sich erst aus den vereinzelten Modernisierungen.

Image:
Das Image verändert sich in dieser Phase weitestgehend noch nicht. Eine Ausnahme bildete da die Eroberung der Freiräume durch die autonome Szene. Während gerade Pioniere der 2ten Generation durch die Aufwertung der Innenstadt Bereiche, welche durch das subkulturelle Leben entstanden ist, angelockt wurden, fühlten sich die Politiker und die Polizei bedroht und überfordert, was sich gerade in der Berichterstattung der Medien niederschlug und zu Räumungsaktionen wie der in der Mainzer Straße führten. Das Image wurde also durch die Medien, nicht durch die Bewohner geschädigt.

Verdrängung:
Eine Verdrängung findet in dieser Phase noch nicht statt. Einzig durch den Repressionsapparat wurde versucht dem Trend zum kreativen Leben entgegen zu wirken. Alteingesessene und Pioniere können in dieser Phase problemlos nebeneinander wohnen, ohne sich zu gefährden. Entgegen der Meinung

Phase 2:

Soziale Gruppen:
Weiterhin ziehen Pioniere der ersten und zweiten Generation in einen Bereich. Allerdings vollzieht sich hier eine Wandlung dahin das auch die ersten Gentrifier mit in den Kiez ziehen. Diese sind bei weitem nicht so Risikofreudig wie die Pioniere und zeichnen sich dadurch aus, dass sie häufig Paare (mit oder ohne Kinder), eine höhere Schulbildung und ein höheres Einkommen besitzen als die Pioniere. Gentrifier schätzen ab, dass das Wohnquartier sich zu einer für sie positiven Struktur entwickeln wird. Sie machen eine kapitalistische Nutzen-Kosten Rechnung um zu überprüfen ob sich der Aufwand lohnt in das Quartier zu ziehen und dort unter Umständen Investitionen in Wohnungen zu tätigen.
In den Berliner Altbaugebieten sah man vor Jahren genau diese Entwicklung. So wurde aus spannenden auflebenden Bezirken, die aber eine klare Aufbruchstimmung vermittelten, innerhalb von wenigen Jahren „In“-Bezirken oder „Geheimtipps“.

Bodenpreise und Mieten:
Durch die Gentrifier werden auch Investoren, Spekulanten und Makler auf das Gebiet aufmerksam und sind nun bereit Mittel bereit zu stellen Sanierungen und Modernisierungen zu finanzieren. Bodenpreise und Mieten steigen aufgrund der statt findenden Modernisierungen, allerdings sind sie hier noch für die meisten im Viertel bezahlbar.

Image:
Es entstehen neue Geschäfte, weil diese sich natürlich mit dem Trend verbunden fühlen. Dies hat eine Anziehung auf Bewohner anderer Gebiete, wodurch natürlich weitere Gentrifier angelockt werden. Menschen von außerhalb freuen sich ob der alternativen und neuen Lebensweise in dem Viertel.

Verdrängung:
Das Viertel fängt an sich zu verändern: Aufgrund stärkerem Nachzug von Gentrifiern steigen vereinzelt die Wohnungen die Modernisiert werden. Hierdurch steigen auch die Bodenpreise, die Mieten und der Verdrängungsprozess von zunächst Alteingesessenen beginnt.

Phase 3:

Soziale Gruppen:
Durch Medienberichte werden mehr und mehr Gentrifier angezogen, welche nun nach den Wohnungen in dem „Jungen“ Kiez trachten. Hier beginnt die eigentliche Gentrifizierung. Zunächst sind die meisten Betroffenen des Stadtteils froh über die äußerliche Wandlung des Kiezes. „Endlich passiert hier etwas“ hört man ältere Bewohner sagen, welche sich noch nicht bewusst sind, dass ihre Miete voraussichtlich zum nächsten Vertragsbeginn um 20 – 60 % steigen werden. Die Gentrifier sind nun bereit mehr und mehr Geld in Modernisierungen zu stecken. Die stärkste Ablehnung erfolgt in dieser Phase durch die Pioniere. Die Pioniere beklagen den Verlust der bunten Mischung, des kreativen, die vorgegaukelte Alternative. Hier kann es nach Blasius und Dangschat (1990) auch zu organisiertem Widerstand kommen.

Bodenpreise und Mieten:
Investoren bekommen nun leicht Kredite von den Banken, Modernisierungen werden wo nur möglich durchgeführt, alte Bewohner die nicht bereit sind mehr zu zahlen rausgeklagt, Eigentumswohnungen entstehen, die Bodenpreise und die Mietpreise für Wohnungen und Geschäfte steigen weiter und nun auch in nicht sanierten Wohnungen. Wohnhäuser, die besetzt sind werden zu Spekulationsobjekten. Wohnungen welche vor 15 Jahren niemand nutzen wollte, sollen nun das X-fache an Miete kosten, werden Grundsaniert und Symbole für junges Leben. Investoren kaufen, sanieren, erhöhen die Mieten oder verkaufen weiter. Das kapitalistische System ist auf seinem Siegeszug…

Image:
Besucher anderer Stadtteile werden immer mehr durch die hippen kleinen Szeneläden angelockt. Die Pioniere werden durch Medien abgewertet.
Das Gebiet ist für alle offen, nur für die Menschen, die es aufgebaut haben gibt es keinen Platz mehr.

Verdrängung:
Alteingesessene Geschäfte und Mieter können wegen der steigenden Miet- und Bodenpreise und den neuen „Insider“ Läden nicht mehr im Kiez überleben. Das Fisch Restaurant hat keine Chance gegen den neuen „Sushi-King“ gegenüber. Die Kunden der Bäckerei gehen jetzt lieber zur Croissanterie. Neben der Eckkneipe eröffnet eine „Honolulu Cocktail Bar“ mit happy hour „All-Night-Long“. Der Korn und das Bier des Eckkneipen Besitzers dienen nun, ob der ausbleibenden (weil vertriebenen) Kundschaft, als Beruhigungsmittel für ihn selbst. Friseur ist Out, „Hairways“ ist In. Statt Nachmittags Kaffee und Kuchen gibt es nun Latte-Macchiato mit Brownies und statt Schrippen und Zeitung lieber ein Bagel und Netbook, „Ernas Kleidungsgeschäft für jedermann“, wird nun als „Inside-Fashion“ von einer gescheiterten Modedesign Studentin geführt die dort hauptsächlich fair-trade Jutesäcke verkauft. Investoren sind kräftig dabei den Markt aufzuräumen, und wer nicht zahlen kann, muss raus. Die Pioniere und die Alteingesessenen sehen sich mit Mietsteigerungen konfrontiert, die sie entweder dazu zwingen wegzuziehen oder in den Widerstand zu gehen. Die subkulturelle Szene, welche den Kiez zu einem kulturellen, bunten und aufregenden Erlebnis gemacht haben, indem man auch fern ab von Kapitalismus leben konnte, wird nach und nach vertrieben: Kein Kapital, keine Daseinberechtigung.

Die abschließende Phase 4 besagt zusammengefasst, dass es nur noch Gentrifier in einem Gebiet gibt. Diese haben ihre Invasion beendet zu dem Preis dass fast alle subkulturelle Lebensweisen und Alteingesessenen Personen aus dem Gebiet vertrieben worden. Ein paar wenige werden geduldet um den Anschein des Alternativen zu wahren.

Was heißt die Theorie der Gentrifizierung nun für den Widerstand?

Mahatma Gandhi:
„Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.“

Die Szene hat den Kiez attraktiv gemacht, also ist sie praktisch mit an der Misere schuld, dass Gentrifier und mit denen die Investoren das Gebiet erst bemerkt haben. Die Gentrifizierung ist voll im Gange und nur schwer zu stoppen. Gentrifizierung heißt immer auch Verdrängung, und diese macht sowohl vor der subkulturellen Szene als vor den Alteingesessenen keinen Stopp, wenn ihr nicht mit gesammelten Kräften entgegen getreten wird. Viele Ältere Bewohner haben inzwischen den Glauben daran verloren die Investoren noch stoppen zu können. Die Szene ist jedoch, trotz starker Repressionen, gieriger Investoren und Gegenkräften aus der Politik durch die Vereinigung in der „Wir bleiben Alle!“ Kampagne so stark wie lange nicht mehr. Die Masse an SympathisantInnen (unter auch ihnen auch viele Gentrifier) und Haus- bzw. WagenplatzbewohnerInnen muss genutzt werden um den herrschenden zu zeigen, dass Gentrifizierung eben doch nur ein beschreibender soziologischer Begriff ist, der in seinem Prozess ein schnelles Ende finden kann. Gentrifizierung ist keine Notwenigkeit und auch kein Gesetz. Hinter ihr stehen Menschen, die für diese verantwortlich sind. Investoren, Politiker und Medien gehen mit geeinten Kräften gegen jegliche Alternative Lebensweise, welche nicht ins kapitalistische Weltbild passt, vor und versuchen die subkulturelle Szene aus Berlin zu vertreiben. Sie verkennen dabei offensichtlich, dass nur durch diese erst ihre Vorzeigestadtteile so wurden wie sie geworden sind, das durch die alternativen Infrastrukturen hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene überhaupt nur ein Dach über dem Kopf haben, dass hier eine kulturelle Bereicherung für alle Bewohner entstanden ist die genauso Touristen aus allen Ländern anlockt und dass die Masse gegen sie steht. Auch Gentrifier, welche aufgrund der Theorie eher wie Gegner wirken, sind häufig SympathisantInnen, welche nicht aus Bosheit, sondern aufgrund der Pioniere in die Stadtteile gezogen sind um diesem freien Leben, auch wenn sie es selber nicht führen, nahe zu sein. Gentrifizierungsprozesse können verhindert werden wenn den Personen, die hinter der Gentrifizierung stehen, klar gemacht wird welche kulturellen Vorteile es mit sich bringt eine Mischung verschiedener Wertvorstellungen, Lebensweisen und finanzieller Hintergründe in Berlin zu haben. Kreativität, Freiheit und Toleranz können sich nur entwickeln wenn man es zulässt, dass sich Menschen begegnen. Versucht man jegliche Gegenkultur zu unterdrücke, und verdrängt diese in Randbezirke dauert es nicht lang bis auch in Deutschland die Vorstädte brennen.

„Es benötigt wieder ein soziale Bewegung die Autos anzündet, aber mit einem Ziel“
Pierre Bourdieu