Veranstaltungsbericht: Was tun gegen Gentrification?

Da auch wir die Veranstaltung beworben haben, hier der Bericht von Andrej Holms Blog.

Am Donnerstag Abend fand unter der Frage „Gentrifizierung im Wedding?“ eine Veranstaltung im Polit-Cafè im Hausprojekt Schererstraße 8 im Wedding statt. Die gut besuchte Veranstaltung (etwa 70 Leute) diskutierte nach einer kleinen Einführung, ob und welche Aufwertungsanzeichen im Wedding zu beobachten sind. In einer kleinen Einführung zu den aktuellen Aufwertungsdynamiken in Berlin hatte ich vorgeschlagen, folgende Auslöser bzw. Motoren der Aufwertung zu unterscheiden:

* Politisch initiierte Gentrification (z.B. Sanierungsgebiete oder gezielte Quartiersaufwertungen)
* Symbolische Aufwertung durch Enklavenbildungen von Pioniernutzungen
* Mietsteigerungen durch Umzüge aus anderen Aufwertungsgebieten (Umzugskettenaufwertung)
* Aufwertung durch Nachbarschaftseffekte von Neubauprojekten

In der anschließenden Diskussion wurden entlang von diesen Aufwertungsaspekten viele Beobachtungen und Einschätzungen aus verschiedenen Stadtteilen zusammengetragen. Auch wenn eine solche Diskussion sicher nicht den Charakter einer repräsentativen Untersuchung hat, wurden Aufwertungsindizien für alle Bereiche vorgetragen.

Auf dem nächsten Treffen am 10. Juni (Donnerstag) soll über Strategien diskutiert werden, wie Mietsteigerungen und Verdrängungseffekte im Wedding möglichst frühzeitig verhindert werden können.

Weddinger Aufwertungsimpulse

Obwohl die aktuellen Neuvermietungsmieten im Wedding noch deutlich unter denen der anderen Innenstadtbezirke liegen, wurde deutlich, dass auch dort eine erhebliche Aufwertungsgefahr besteht.
Eine aktuelle Marktmietenanalysee der Neuvermietungsangebote von Immowelt zeigt deutlich, wie sehr der Wedding aus dem Miet-Preisrahmen innerhalb des S-Bahnringes fällt.

Marktmietenanalyse Immowelt, 2010

Die beruhigende Momentaufnahme kann sich aber schnell in ein ‘Aufwertungspotential’ verwandeln und die Begehrlichkeiten von Eigentümer/innen und Investor/innen wecken. Um die Gefahren einer solchen Aufwertung einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick auf mögliche Aufwertungsimpulse im Wedding.

Politisch initiierte Aufwertung
Ein Blick auf die aktuellen wissenschaftlichen Gentrification-Debatten aber auch auf die Berliner Stadtentwicklung zeigt sehr deutlich: die klassischen Modellannahmen eines durch symbolische Aufwertungen (Pionierphase) ausgelösten Verdrängungsprozesses reicht längst nicht mehr aus, um die Vielfalt verschiedener Aufwertungsdynamiken zu erfassen. So haben Loretta Lees und andere bereits seit den 1990er Jahren immer wieder darauf verwiesen, dass Gentrification eben kein reiner Marktprozess ist, sondern regelmäßig durch politisch gewollte und initiierte Aufwertungsprogramme ausgelöst wird.

Für den Wedding können solche gezielten Aufwertungspolitiken vor allem im Bereich des Brunnenviertels aber auch im Bereich der Müllerstraße festgestellt werden. Im Brunnenviertel – einem Siedlungsbereich mit Wohnanlagen, die in den 1960er- und 1970er Jahren errichtet wurden – bemüht sich die landeseigenen DEGEWO seit Jahren um eine Imageaufbesserung der Nachbarschaft um besserverdienende Mieter/innen zu gewinnen.

Die geplante Umgestaltung der Ladenpassage in der Brunnenstraße kann als ein Ankerprojekt für die gewünschten Aufwertungen angesehen werden. Statt der Billigläden und Dienstleister, denen die Verträge gekündigt wurden, gibt es inzwischen mehrere Designer-Läden und Galerien in der Brunnenstraße. Eine Anwohnerin berichtete von

„mindestens fünf neuen Designerläden. Die preiswerten Geschäfte wurden alle geschlossen. Die neuen Läden sind fast immer leer und die Kleider und Taschen dort haben nicht einmal Preisschilder. Ich weiss gar nicht für wen die gedacht sind. Für die Anwohner, die bisher hier leben, sicherlich nicht.“

In den Wohnhäusern des Brunnenviertels wurden Veränderungen der Mieterstrukturen beobachtet. In einem Haus

„haben früher überwiegend türkische und arabische Familien gewohnt. Als wir hier eingezogen sind, gab es nur drei deutsche Mieter in den zehn Wohnungen – heute sind sie die Mehrheit.“

Ob diese Veränderungen auf veränderte Nachfrage oder eine selektive Vermietungspraxis der DEGEWO zurückzuführen ist, konnte nicht geklärt werden. Die Bemühungen, das Schulangebot durch spezielle Förderklassen mit einem Anteil von mindestens 50 Prozent ‘Bio-Deutschen’ zu verbessern, kann jedoch zu einer höheren Attraktivität des Viertels für deutsche Mittelschichtsfamilien beitragen. Auf der Veranstaltung fiel in diesem Zusammenhang der Begriff von „Germanen-Klassen“.

In der Müllerstraße beschränken sich die Aufwertungsaktivitäten bisher auf die Gestaltung des öffentlichen Raumes und der Gewerbestruktur. Die Initiative „Aktives Stadtzentrum Müllestraße“ hat sich zum Ziel gestellt, die Müllerstraße als attraktives, wirtschaftliches Zentrum zu stärken und will „an der Müllerstraße den Wedding neu entdecken“:

Im Frühjahr 2008 wurde durch das Büro Jahn, Mack & Partner für einen Teil des jetzt zu untersuchenden Gebiets um die Müllerstraße im Rahmen eines Wettbewerbs zum Bund-Länder-Förderprogramm „Aktive Stadtzentren“ ein städtebauliches Entwicklungskonzept zusammen mit Akteuren und Händlern der Straße erarbeitet und durch das Bezirksamt Mitte beschlossen. Als Ergebnis dieses Wettbewerbs wurde die Müllerstraße ab 2009 in das Förderprogramm „Aktive Stadtzentren“ aufgenommen, sodass bis 2015 rund 1. Mio. Euro jährlich für die Aufwertung des Zentrums zur Verfügung stehen.

In einem Handlungskonzept für ein sogenanntes Geschäftsstraßenmanagement heisst es unter dem harmlos klingenden Punkt „Branchenmix und Geschäftsbesatz “:

„Ansprache und Beratung von EigentümerInnen für eine verantwortungsbewusste Vermietung. Gezieltes Ansiedlungsmanagement für einen attraktiven Branchenmix…“

Wie eine solch ‘verantwortungsbewusste Vermietung’ praktisch aussieht, berichteten Anwohner/innen des Quartiers:

„Die meisten 1-Euro-Läden sind schon verschwunden und damit auch viele günstige Angebote. Was jetzt neu hinzukommt ist meist in den höheren Preisklassen angesiedelt. Keine Ahnung wer da einkaufen soll – wir sicherlich nicht mehr.“

Ob solche Strategien der gezielten Aufwertung im Brunnenviertel und im Bereich der Müllerstraße tatsächlich erfolgreich sein werden, ist zur Zeit schwer einzuschätzen. Im Zusammenspiel mit anderen Aufwertungsimpulsen können diese Bemühungen jedoch zu Katalysatoren einer Gentrification im Wedding werden.

Symbolische Aufwertung durch Pionierenklaven
Trotz der neuen Forschungsansätze lohnt sich ein Blick auf die klassischen Aufwertungsimpulse durch Pioniernutzungen und symbolische Aufwertungen des Gebietsimages. Insbesondere der Wohnungsmarkt greift ja oft auf ‘besondere’ Lagen zurück, um Extrakosten zu rechtfertigen. Kulturelle Infrastrukturen und die Etablierung von subkulturellen Szenen werden nicht nur in die immobilienwirtschaftlichen Werbestrategien integriert sondern können auch auf Wohnungssuchende mit höheren ökonomischen Ressourcen attraktivierend wirken.

Für den Wedding wurden eine ganze Reihe neuer Kulturstandorte benannt, die teilweise schon jetzt eine überlokale Wahrnehmung generieren. Neben der Kolonie Wedding und dem ExRotaprint-Gelände wurden vor allem die UferHallen als mögliche Enklaven der symbolischen Aufwertung benannt.

Auch im Berliner Stadtmagazin TIP gab es bereits Ende 2008 einen Bericht über den kulturellen Aufbruch im Wedding:

Kunst, Künstler und Ausstellungen, das alles gibt es schon länger im Wedding: Die Osram-Höfe, die Gerichtshöfe und die 2001 gegründete Künstlervereinigung Kolonie Wedding sind Beispiele für Versuche, im Kiez Kulturangebote zu etablieren. Rund um die Soldiner Straße gibt es zahlreiche Projekträume. Sogar einige Studenten und Künstler sind hierhergezogen.
„Es passiert unheimlich viel im Wedding. Immer mehr Leute kommen zu uns. In der letzten Zeit auch viele Touristen“, sagt Olivia Franke von der Galerie Max Hetzler, eine der wichtigsten Galerien Berlins, die seit über zwei Jahren neben Mitte einen zweiten Standort in den Weddinger Osram-Höfen hat. Egal, wen man von den im Wedding arbeitenden Künstlern und Kulturschaffenden fragt, sie alle sprechen von einer zwar noch zögerli­chen, aber doch deutlich spürbaren Aufbruchstimmung. Eine leise und stille Entwicklung. Wohin es geht, kann niemand so genau sagen. „Ganz allmählich, ganz langsam verändert sich hier die ganze Atmosphäre“, sagt die Künstlerin Dagmar Tinschmann-Lichtefeld vom Projektraum 2 Garage 2 Reloaded: „Die UferHallen könnten eine Chance sein. Es fängt gerade an, im Wedding richtig spannend zu werden.“

Diese neue Attraktivität des Wedding ist auch dem Immobilienmarkt nicht verborgen geblieben. Auf den Seiten von Wohnportal.Berlin ist schon von „Wohnmöglichkeiten für Studenten, Künstler und Dozenten“ die Rede:

Im Wedding tut sich was! Nach dem Kauf des BVG-Geländes durch die UferHallen AG ist vor Ort eine Nutzungsmischung entstanden, die produzierendes Gewerbe, Ateliers und soziale Initiativen verbindet. Der Bezirk unterstützt diese Entwicklungen, um weitere positive Prozesse voranzutreiben.

Auch in der Schererstraße selbst – wo die Veranstaltung „Gentrifizierung im Wedding!?“ stattfand – zeigen sich erste Anzeichen einer neu etablierenden Kunstszene. Auf einem Straßenabschnitt von maximal 100 Metern haben in den letzten Monaten vier neue Galerien eröffnet. Auch die Aktiven des nahegelegenen ExRotaprint-Projektes konnten von der erhöhten Nachfrage durch Künstler/innen berichten. Les Schliesser berichtet von der Schwierigkeit, den selbstauferlegten Branchenmix im Projekt (1/3 Kunst, 1/3 soziale Träger, 1/3 Gewerbe) aufrechtzuerhalten:

„Wir könnten hier alles problemlos an Künstler/innen vermieten. Ich habe da jeden Tag mindestens drei neue Anfragen.“

Das klingt wie aus dem Drehbuch für einen klassischen Gentrification-Prozess und sollte durchaus als Warnzeichen verstanden werden. Auf der Veranstaltung wurde klar gestellt, dass es dabei weniger um eine Verhinderung von solchen künstlerischen Aktivitäten gehen sollte, sondern um die Einschränkung einer immobilienwirtschaftlichen Inwertsetzung. Die Beteiligung des ExRotaprint-Projektes an der Diskussion zeigt, dass sich die Kultur- und Kunststandorte durchaus auch selbst aktiv in Anti-Gentrification-Debatten einbringen können.

Umzugskettenaufwertung
Durch die räumliche Ausweitung der Aufwertungsprozesse hat sich Gentrification zum neuen städtischen Mainstream entwickelt. Statt ‘Inseln der Aufwertung in einem Meer von Verfall’ haben sich Aufwertungsprozesse längst zum neuen Standard in den Innenstädten entwickelt. Gentrification hat damit den Charakter des Exklusiven und Besonderen eingebüßt und hat immer öfter eine völlig unspektakulären Charakter. Doch Verdrängung setzt vielfach gar nicht die vollständige Umwandlung in Eigentumswohnungen und umfangreiche Luxusmodernisierungen voraus. Gerade in Vierteln mit vielen Geringverdiener-Haushalten sind es oft schon kleine Mietsprünge, die nicht mehr getragen werden können und zum Auszug führen. In diesem Zusammenhang spielen die Umzugsketten der Aufwertung eine zunehmend wichtige Rolle. So können beispielsweise durch die Modernisierung aus Friedrichshain verdrängte Wohngemeinschaften in Neukölln zu Aufwertungsakteuren werden, die wesentlich höhere Mieten als viele Bestandsbewohner/innen zahlen können. Auch die Umzüge von vielen Familien aus den Sanierungsgebieten in Prenzlauer Berg hatten und haben in Pankow und Weißensee eine vergleichbare Wirkung.

Dem Wedding – so meine Einschätzung vor der Veranstaltung – fehlt es an der räumlichen Nähe zu den eher subkulturell geprägten Aufwertungsgebieten in Friedrichshain-Kreuzberg und an einer ausreichenden Familienqualität für die deutschen Mittelschichtshaushalte, die durch die fortgesetzte Aufwertung aus Prenzlauer Berg und Mitte gedrängt werden. Die Berichte auf der Veranstaltung zeichneten jedoch ein anderes Bild. Sowohl im Brunnenviertel als auch aus dem Quartier am Gesundbrunnen wurden deutliche Verschiebungen der Bewohnerstrukturen beobachtet. In einzelnen Häusern soll sich der Anteil von Deutschen innerhalb eines Jahres von 25 auf 60 Prozent erhöht haben. Auch ein Mieter aus der Togostraße konnte von ähnlichen Prozessen berichten:

„In den letzten Monaten hat es drei neue Einzüge bei mir im Haus gegeben. Ich frag die neuen Mieter dann ja immer wo sie herkommen. Zwei kamen aus Kreuzberg und einer aus Prenzlauer Berg. Alle, weil dort die Mieten inzwischen so teuer seien.“

Im Brüsseler Kiez soll ein steigende Anteile von Studierenden zu beobachten sein und Mieter/innen erzählten, dass bei Neuvermietungen in der Regel 25 bis 30 Prozent höhere Mieten genommen werden.

Ob sich aus diesen Einzelbeobachtungen ein allgemeiner Trend ableiten lässt, erscheint mir unklar. Ein wichtige Aufgabe für die Initiative in der Schererstraße könnte es sein, solche Beobachtungen zu sammeln, um einen Eindruck der aktuellen Veränderungen zu gewinnen. (Auch hier auf dem Blog würde ich mich sehr freuen, wenn über die Kommentarfunktion ähnliche – oder auch gegenteilige – Beobachtungen aufgeschrieben würden.)

Neubaugentrification
Als vierter Aspekt von Aufwertungsimpulsen wurde Neubauprojekte im Luxuswohnbereich benannt. In internationalen Studien wurden Nachbarschaftseffekte in Form von steigenden Bodenpreisen in den umliegenden Wohnquartieren festgestellt. Für Berlin ist der Trend noch so jung, dass keine empirischen Erkenntnisse vorliegen. Die Mobilisierungen gegen das Investorenprojekt MediaSpree und auch die Konflikte um die Baugruppen-Häuser in Alt Treptow zeigen jedoch, dass solche Aufwertungseffekte auch in Berlin befürchtet werden.

Geplante Luxuswohnanlagen gibt es im Wedding noch nicht. Aufwertungseffekte werden jedoch von Bauprojekten an den Stadtbezirksgrenzen befürchtet. Neben der Mauerparkbebauung an der Schnittstelle zwischen Prenzlauer Berg und Wedding wurde vor allem die BND-Zentrale in der Chausseestraße verwiesen, die schon jetzt in der unmittelbaren Umgebung zu einem kleinen Neubauboom geführt hat.

Wedding hat (noch) keinen Reuterplatz
Trotz der auf der Veranstaltung zusammengetragenen Aufwertungsindizien glaube ich nicht, dass sich der Wedding zum „the next big thing“ der Gentrification in Berlin entwickeln wird. Die Ansätze einer kulturellen Aufwertung in einzelnen Gebieten haben im Moment noch nicht das Format, sich zu eigenständigen Epizentren der Aufwertung entwickeln und von sich heraus eine Anziehungskraft zu entwickeln. Auch die räumliche Streuung der einzelnen Aufwertungszonen und einzelner hochpreisiger Wohnungsangebote sprechen erst einmal gegen die Herausbildung eines deutlich identifizierbaren Aufwertungskerns (etwa vergleichbar mit dem Reuterplatz in Nord-Neukölln).
Wedding bleibt – und das ist keineswegs als Entwarnung zu verstehen – für viele eine Verlegenheitslösung, weil woanders die Wohnungen und Ateliers nicht mehr zu bezahlen sind. Aus dieser Perspektive kommt insbesondere den Umzugsketten aus den anderen Berliner Aufwertungsgebieten eine zentrale Bedeutung zu. Dort wo ein solcher Verdrängungsdruck auf gezielte Aufwertungsprogramme wie im Brunnenviertel trifft, sind Veränderungen sicher am schnellsten zu erwarten.
Für Initiativen vor Ort wird es deshalb auch weniger darum gehen, spektakuläre Aufwertungsprojekte zu verhindern, sondern vor allem den schleichenden Prozess von Mietsteigerungen aufzuhalten.