Warum brauchen wir ein kostenloses, selbstverwaltetes Bethanien?

Unser Kiez – Aufwertung und Verdrängung

SO36 durchlebt momentan einen rasanten Aufwertungsprozess. Die Mieten steigen, nicht nur im Wohn- sondern auch im Gewerbebereich. Sich neu ansiedelnde Cafés und teure Szenekneipen sprengen den finanziellen Rahmen der meisten Kiezbewohner_innen und verdrängen nicht profitorientierte Räume.
Dabei wird der gesellschaftliche Status über Geld vermittelt; finanzielle Möglichkeiten bestimmen die Zugangschancen zu sozialer, kultureller oder politischer Partizipation.
Darüber hinaus ist dieser Aufwertungsprozess eines der Mittel des Kapitalismus, sich regelmäßig selbst neue Profitmöglichkeiten zu schaffen.

Wir wollen daher hier – als Kontrapunkt zu dieser globalen Entwicklung der Gentrification – einen Raum schaffen, in dem die finanziellen Möglichkeiten einer Person nicht über ihre Zugangschancen entscheiden. Solche Räume können eine wichtige Voraussetzung für finanziell unterprivilegierte Menschen sein, sich in einen gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.

Natürlich können diese Räume allein die Tendenz nicht aufhalten. Uns ist bewusst, dass linke Projekte oft eine aufwertende Rolle einnehmen, da sie Viertel interessanter machen. Wir sehen kein Problem darin, den Kiez lebenswerter zu machen und sind auch nicht gegen jede Veränderung. Wir freuen uns z. B. über neue Spielplätze oder neue Parks. Wir wollen aber nicht, dass diese Lebensqualität kapitalistisch verwertet wird und alte Bewohner_innen Finanzstärkeren weichen müssen.

Kürzungen im sozialen, Jugend- und kulturellen Bereich

Immer wenn das Land Geld sparen muss, sind es kulturelle und soziale Einrichtungen vor allem im Jugendbereich, an denen zu erst der Rotstift angesetzt wird. Das finden wir Scheiße und dumm!

Weil die Stadt uns allen gehört, halten wir es für notwendig, gerade in diesen Bereichen selbstverwaltete und somit von staatlichen Stellen unabhängige Projekte zu schaffen. Losgelöst vom politischen Willen einer Regierung sollen diese kostenlos sein und damit Partizipationsmöglichkeiten für alle bieten.

In SO36 ist die Strategie gerade, Jugendeinrichtungen freien Trägern zu überlassen, die damit noch stärkeren finanziellen Zwängen unterliegen. Die nächste Kürzungswelle ist in einer chronisch klammen Stadt wie Berlin schon absehbar. Dem wollen wir uns entgegenstellen. Wir wollen, dass Jugendliche Perspektiven jenseits von Prekariat und Jobcenter haben und sich selbstbestimmt und frei entwickeln können. Dies geht aber nur, wenn sie die Sicherheit haben, dass ihnen nicht im nächsten Moment ihr Raum wieder abgenommen wird, weil noch ein paar Banken gerettet werden müssen.

Freiraum

Die GSE möchte den Raum an „gemeinnützige Vereine“ vermieten. Dabei sind „Gemeinnützigkeit“ und „Verein“ staatliche verordnete Kategorien. Nicht als „Vereine“ organisierte Strukturen haben keine Chance. Die staatlichen Interessen wandeln sich zwar ständig, stehen aber grundsätzlich a) in ständigem Widerspruch zu emanzipatorischen Positionen und sind b) regelmäßig diskriminierend und grenzen Menschen aufgrund ihrer (sozialen) Herkunft, ihrer politischen Ausrichtung oder auch ihrer geringen Möglichkeiten, sich in einem bürokratischen Machtapparat gut zu vertreten und zu artikulieren, aus.

Dazu kommt, dass das Bethanien von vornherein nur Vereinen offensteht, die in ihrem Bereich etabliert sind und viel Geld haben.
An kostenlosen Orten können alle Menschen ihre kulturellen, sozialen, politischen oder welche auch immer Bedürfnisse ausleben – frei von Zugangsbarrieren und Eintrittskontrollen. Dem stehen Nutzungsgebühren oder Mitgliedsbeiträge fundamental im Weg. Daher wollen wir, dass das Bethanien ein Projekt für alle wird, ohne Grenzen, das alle mitgestalten können und die Räume mit ihren Ideen füllen können. Wir sehen diese Besetzung als eine politische Intervention, die sich nicht an etablierte Politiker_innen wendet, sondern die Entscheidung, was mit dem Bethanien und in unserer Stadt generell passiert, in unsere eigenen Hände legt und einen Diskussionsprozess in Gang setzt.

Gesellschaftliche Partizipation kann nur so funktionieren: Menschen, die sich politisch engagieren, sich sozial einbringen oder etwas künstlerisch gestalten wollen, müssen damit ohne Profitzwang anfangen können. Wird uns diese Möglichkeit genommen, wird es immer so sein, dass Menschen mit privilegierten Zugangsvoraussetzungen politische, aber auch künstlerische Diskurse bestimmen werden. Das lehnen wir ab.

Das Projekt wird für eine Bewegung von unten stehen!

Nutzungskonzept

Wir wollen einen Ort schaffen an dem Ideen nicht nur entstehen, sondern auch aktiv ausgelebt werden können, einen Raum in dem es möglich ist sich auszutauschen, zu diskutieren, und gemeinsam kreativ zu werden. Wir wollen einen Ort schaffen in dem jede_r die Möglichkeit und auch den Platz hat sich zu entfalten und das eigene Leben zu gestalten.
Wir stellen uns ein selbstverwaltetes Stadtteilzentrum vor, das aus einer kollektiven Gemeinschaft verschiedener Projekte besteht, in denen alle vielfältig arbeiten können und die unterschiedlichsten Interessen und Schwerpunkten Raum bieten.
Eine „Freie Werkstadt“ mit Schmiede und Holzwerkstatt, ein Kinder-Umsonst-Laden, ein Nachbarschaftscafé oder ein Autor_innenkollektiv sind nur einige von vielen Ideen, von denen wir wissen, dass Bedarf besteht und es Menschen gibt die aktiv an der Umsetzung arbeiten wollen.

In einem gemeinsamen Plenum können die unterschiedlichen Projekte Probleme, Ideen und verschiedenste Aufgaben für z.B. die Gestaltung der Allgemeinräume, anfallende Reparaturen, Aktionen oder Thementage besprechen und planen. Allerdings sollen die einzelnen Projekte sich selbst frei entfalten und gestalten können.
Das Gesamtprojekt soll möglichst im Konsens verwaltet werden, außerdem einen emanzipatorischen Anspruch haben der kein rassistisches, homophobes, antisemitisches, sexistisches oder sonst diskriminierendes Verhalten duldet und sich klar gegen Hierarchien ausspricht.

Es sollen offene Räume werden. Die Projekte sollen allen Interessierten offenstehen. So soll also z.B. jede_r die Werkstatt benutzen oder sich in andere Gruppen mit einbringen können.
Wir freuen uns wenn ihr vorbeikommt und mitmacht. Um kurz vor 19:00 Uhr möchten wir mit euch auf einer Nachbarschafts-Vollversammlung über eure und unsere Ideen und Projekte sprechen und zusammentragen was wir alle uns wünschen.

* Nehmen wir uns alle zusammen unsere Stadt zurück! *